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2013-10-01

Weniger ist mehr

Am eigenen Leib erlebt

Am letzten Septembertag – oh, seit dem Neujahrstag erschien hier nichts mehr im Blog? Wo sind die neun Monate hin? – am letzten Septembertag verabschiedete sich mit einem letzten Aufleuchten seiner Bildröhre der hier stehene Fernsehapparat von mir. Ein wirklich betagtes Gerät, das lange, lange klaglos seinen Dienst tat und mir ab und zu die Lieblingsprogramme arta, 3Sat u. ä. zeigte. Sicher ließe er sich reparieren. Aber um welchen Preis? Außerdem ist er groß und schwer.

Nun habe ich in meinem Bekanntenkreis nachgefragt, ob da irgendwo ein Gerät auf einen neuen Nutzer wartet. Ein kleineres vielleicht? Ja, sicher, ich erhielt gleich mehrere Angebote. Bis ich eines der Geräte aber abgeholt und hier heraufgeschleppt habe, stelle ich fest:

  • Ich habe Zeit, viel öfter aus dem Fenster zu blicken. Da draußen sieht es von hier oben betrachtet noch viel bunter aus als es direkt am Boden erscheint.
  • Im Radio laufen bei Radio Corax, Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur den ganzen Tag echt interessante Dinge. Keine Sorge, die hab ich auch gehört, als der TV-Apparat noch nicht defekt war; aber ich zog Fernsehen eben manchmal dem Radiohören vor.
  • Seit der Klotz von Gerät nicht mehr hier im Zimmer steht, habe ich mehr Platz für “neue” Bücherstapel.

Manchmal ist – so stelle ich fest – ist “nur” hören mehr als hören und sehen. Es ist meiner Phantasie zuträglicher. So wie auch Lesen viel mehr ist als denselben Stoff als Film zu sehen und zu hören.

Multimedia. Ein schöner Begriff. Aber ist dieses ganze Mutimedia-Zeug noch für den Menschen gemacht? Oder eher für den Konsumenten, den Verbraucher, den Nutzer?

Wieso wird mein Dasein von Unternehmen, von Behörden, von anderen Menschen so zerteilt? Warum muß ich so vieles sein?

Wenn ich nicht Kunde, Bürger, Käufer, Mitglied, Mann, Vater, Single, Wähler usw. usf. bin, sondern nur noch Mensch: Bin ich weniger, dann bin ich mehr!

In diesem Sinne: Bis neulich.

© 2013 – Der Emil

P.S.: Hier im Blog stimmt das natürlich nicht. Hier muß wieder mehr geschehen …

2012-12-25

Nach Weihnachten

Merksatz

 


 
            Wäre ich wunschlos glücklich:
            Mir fehlte das Glück des Wünschens …
 
 

 

In diesem Sinne: Wundervolle Rauhnächte wünsch ich.

© 2012 - Der Emil

2011-12-01

Nicht mehr. Kein Ort. Nirgends.

Nicht mehr. Kein Ort. Nirgends.

Zum Tode Christa Wolfs am 1. Dezember 2011

Ich wurde siebzehn, als mir mit freundlicher Hilfe seiner Mutter, meiner Deutsch- und Englischlehrerin an der POS, ein Schulfreund zum Geburtstag ein schmales Büchlein schenkte.

Diese Büchlein habe ich seither sicher hundert Mal gelesen. Fast jeden Satz habe ich irgendwann einmal als wichtiges Zitat herausgeschrieben, angestrichen, weitergegeben. So steht es noch heute tief in meinem Bücherschrank: Benutzt, etwas angeschmutzt, mit heftigen Lesespuren.

Die Erstauflage «Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends.» Von 1979.


Habt ihr ihren ersten Satz gelesen? «Die arge Spur, in der die Zeit vor uns wegläuft.» Jetzt mußte sie, Christa Wolf, aus der Zeit gehen. Jetzt steht sie nicht mehr am Fenster, vorm Fernseher im Hotel in Kalifornien, unterm geteilten Himmel. Nicht mehr als Kassandra, nicht mehr als Medea.

Aber als Erinnerung.


Das Buch «Kein Ort. Nirgends.» nutzte ich 1982 im Freien Thema beim Abituraufsatz an der EOS. Ich philosophierte (ja, tatsächlich) an seinem Text über die Zerrissenheit des heutigen (damaligen) Menschen (Biermann!). «Thema verfehlt!» Nur eine 4 …

Heute besitzte ich fast alle Bücher von Christa Wolf. Gelesen habe ich alle.

Doch «Kein Ort. Nirgends.» bleibt besonders: Es führte mich zu Kleist und zur Günderrode, zu Achim von Arnim und Clemens Brentano. Sogar zu Anna Seghers.

 
   † Am 1. Dezember 2011 starb Christa Wolf im Alter von 82 Jahren in Berlin. Streitbarer, fehlbarer Mensch. Beeindruckende Autorin wunderbarer Bücher.
 

Neue Werke von ihr wird es nicht mehr (viele) geben.

In diesem Sinne: Ich trauere wirklich um sie.

© 2011 - Der Emil

2011-06-08

Aufhebenswert?

Jetzt schon an später denken

Als ich vor einigen Tagen wiedereinmal eines meiner Notizbücher ausmusterte, rutschte ich auch wieder in eine Gedankenspirale. Keine Sorge – ich gelangte unbeschädigt wieder heraus.

Vor längerer Zeit schon habe ich beschlossen, daß meine Notizbücher irgendwann – also dann, wenn es Zeit dazu ist – ins DEUTSCHE TAGEBUCHARCHIV gelangen sollen.

Wieso denn das? Es steht doch nur drin, was ich reinschrieb: Belanglosigkeiten, Gedankenmacherei, meine Blogtexte, unabgeschickte Liebesbiefe, Obszönitäten, Gestammel. Also nichts, was wirklich von Bedeutung ist.

Dann dachte ich genauer darüber nach. Woher werden die Nachfolgenden erfahren können, wie das Leben in meiner Zeit war? Aus Zeitungen. Aus den Fernsehsendungen, in denen schon fast die Hälfte aller Reportagen durch diese neumodische Wirklichkeit nach Drehbuch (scripted reality) ersetzt wurde.

Aber ernsthaft gefragt: Leben wir wirklich so, wie es in GZSZ, Verliebt in Berlin, Reich und schön, in Barbara Salesch oder Richter Holdt, im Polizeiruf 110 oder im Großstadtrevier gezeigt wird?

Woher wissen wir eigentlich, wie die «normalen Leute früher» lebten?

Na?

Die konnten ganz früher weder lesen noch schreiben, also wissen wir nur aus den Beschreibungen der Bessergestellten und aus Akten und Urkunden und aus Briefwechseln etwas. Später dann kamen Romane, Geschichtsbücher und was nicht noch alles dazu. Aber auch das waren i. d. R. Betrachtungen des Lebens «von draußen». Wir wissen so gut wie NICHTS.

Dann gab es Menschen, die Tagebuch führten. Und es gab weiter Briefwechsel. Wieder waren das meist Privilegierte. Aber das Papier blieb oft erhalten.

Dann konnte zumindest hier in Mitteleuropa die überwiegende Mehrheit schreiben und lesen, auch wenn das erst nach 1900 so war (das hab ich jetzt aus dem Bauch heraus so festgelegt). Und die hinterlassenen Papiere blieben zu einem Teil erhalten.

Für Film- und Tonaufnahmen wurden einfache, ohne Elektrizität arbeitende Verfahren genutzt.

All das kann Mnesch auch heute noch ohne dicke Computer nutzen: beschriebenes Papier, Schallplatten, Photographien. Auch in Zukunft können diese Dinge noch sehr einfach genutzt werden.

Und vielleicht habe ich ja in meinen Tagebüchern, in meinen Schmier- und Notizheften etwas festgehalten, das später einmal von Interesse sein kann? Nämlich das tägliche, alltägliche, beschissene Leben, das viel öfter zum Kotzen als zum Jubeln war.

Deshalb, weil sie einfach nutzbar ist und weil ich selbst gerne mehr über meine Vorfahren wissen möchte als ich erfahren kann, gebe ich meine Sammlung an Aufgeschriebenem und Photographiertem als Vermächtnis ans DTA.

In diesem Sinne: Größenwahn geht anders.

Natürlich gehört dieser Text zu meinem Artikel über Das «Kleine Schwarze».

© 2011 - Der Emil