2011-06-08

Aufhebenswert?

Jetzt schon an später denken

Als ich vor einigen Tagen wiedereinmal eines meiner Notizbücher ausmusterte, rutschte ich auch wieder in eine Gedankenspirale. Keine Sorge – ich gelangte unbeschädigt wieder heraus.

Vor längerer Zeit schon habe ich beschlossen, daß meine Notizbücher irgendwann – also dann, wenn es Zeit dazu ist – ins DEUTSCHE TAGEBUCHARCHIV gelangen sollen.

Wieso denn das? Es steht doch nur drin, was ich reinschrieb: Belanglosigkeiten, Gedankenmacherei, meine Blogtexte, unabgeschickte Liebesbiefe, Obszönitäten, Gestammel. Also nichts, was wirklich von Bedeutung ist.

Dann dachte ich genauer darüber nach. Woher werden die Nachfolgenden erfahren können, wie das Leben in meiner Zeit war? Aus Zeitungen. Aus den Fernsehsendungen, in denen schon fast die Hälfte aller Reportagen durch diese neumodische Wirklichkeit nach Drehbuch (scripted reality) ersetzt wurde.

Aber ernsthaft gefragt: Leben wir wirklich so, wie es in GZSZ, Verliebt in Berlin, Reich und schön, in Barbara Salesch oder Richter Holdt, im Polizeiruf 110 oder im Großstadtrevier gezeigt wird?

Woher wissen wir eigentlich, wie die «normalen Leute früher» lebten?

Na?

Die konnten ganz früher weder lesen noch schreiben, also wissen wir nur aus den Beschreibungen der Bessergestellten und aus Akten und Urkunden und aus Briefwechseln etwas. Später dann kamen Romane, Geschichtsbücher und was nicht noch alles dazu. Aber auch das waren i. d. R. Betrachtungen des Lebens «von draußen». Wir wissen so gut wie NICHTS.

Dann gab es Menschen, die Tagebuch führten. Und es gab weiter Briefwechsel. Wieder waren das meist Privilegierte. Aber das Papier blieb oft erhalten.

Dann konnte zumindest hier in Mitteleuropa die überwiegende Mehrheit schreiben und lesen, auch wenn das erst nach 1900 so war (das hab ich jetzt aus dem Bauch heraus so festgelegt). Und die hinterlassenen Papiere blieben zu einem Teil erhalten.

Für Film- und Tonaufnahmen wurden einfache, ohne Elektrizität arbeitende Verfahren genutzt.

All das kann Mnesch auch heute noch ohne dicke Computer nutzen: beschriebenes Papier, Schallplatten, Photographien. Auch in Zukunft können diese Dinge noch sehr einfach genutzt werden.

Und vielleicht habe ich ja in meinen Tagebüchern, in meinen Schmier- und Notizheften etwas festgehalten, das später einmal von Interesse sein kann? Nämlich das tägliche, alltägliche, beschissene Leben, das viel öfter zum Kotzen als zum Jubeln war.

Deshalb, weil sie einfach nutzbar ist und weil ich selbst gerne mehr über meine Vorfahren wissen möchte als ich erfahren kann, gebe ich meine Sammlung an Aufgeschriebenem und Photographiertem als Vermächtnis ans DTA.

In diesem Sinne: Größenwahn geht anders.

Natürlich gehört dieser Text zu meinem Artikel über Das «Kleine Schwarze».

© 2011 - Der Emil

2011-06-05

Stammeltext

Sonderbares

(re-blog meines Textes vom 4. Juni 2011 bei Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen)

 
Sommerheiszes Himmelblau über getrocknetem Gras / noch auf der Wiese stehend / Nasz fehlt

Staubwolken / wo Regenschleier herbeigesehnt werden

Auch sehr sommerlich gekleidete / Menschenfrauen / lenken mein Hoffen nicht ab

Ich spüre wie der Zeit / die welken Natternzungen / am knisternden Ahorngaumen kleben

Kurz vor'm Sonnenaufgang stillt / kein Tau den Durst / kein feuchter Nebel deckt / seine kühlenden Schwaden auf's Land

Zu Mittag glost die Hitze / und der Wind erstirbt / Drückende Schwüle / Nur Wenigem gelingt / der Rückzug in einen Schatten

Sehnsüchtig / warte ich auf das Dunkel / das der Nacht oder das / des Kellers

Eine sandgelbe Dampflokomotive / röchelt über die Kreuzung / auf die riesige Fischfotos / geklebt wurden

Vor dem Haus / auf der Wiese / am Schilf / unter dem Gebüsch / und im Wald tanzen / Gespenster aus feinstem Quarzkristall

Die Wüste reckt / schonmal ihre heiszen Gebeine / ins Land

Neben mir schnarcht herzerweichend /
und mit winzigen funkelnden /
Perlen Schweiszes bedeckt /
eine kahlrasierte Pudelhündin

Zeit / zubettzugehen
 

© 2011-06-03 - Der Emil CC by-nc-sa der_emil(at)arcor(dot)de
 
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Das kommt heraus, wenn ich im Dämmern zwischen Wachtraum und frischem Kaffee meinen Stift von der Leine der Konzentration lasse: Eines Morgens früh ohne Absicht und unkontrolliert entstanden.

Und weil ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll, also überlaß ich es euch …

In diesem Sinne: Freiheit den Stiften (und der schmutzigen Phantasie)!

2011-05-15

Die anonymitätslose Zukunft des Internet …

… ist auch das Ende der informationellen Selbstbestimmung.

Übermorgen.tv – angesiedelt beim ZDF – widmete sich in seiner ersten Sendung dem Thema «Anonymität im Netz».

Ohne den elektronischen Personalausweis geht nichts mehr im Netz. Es wird ein Fischer-Gesetz geben. Und und und … Wenn nur die Hälfte von dem wahr wird: Gute Nacht, Internet.

Schaut selbst, was alles möglich sein kann und dann hört auf das, was heute schon von gewissen Politikerimitationen (UvdL, Friedrich, Seehofer, Merkel und wie sie alle heißen!) so verlauten lassen …

Aber so, wie ich unsere deutschen Hilfspolitiker und ihre Ignoranz, Ahnungslosigkeit und Bestechlichkeit, ihre Gier und Vorgestrigkeit kenne, geht das in realiter wesentlich schneller - also 2019 im Film wird 2014 in der Wirklichkeit …

Protest gegen jede Einschränkung der Freiheit, die uns noch verblieben ist (und das ist wenig genug!), ist mehr als notwendig. Wenn irgendwann die Bezahlung mit Bargeld nicht mehr möglich ist - ja, das kann durchaus auf uns zukommen, daß das Bezahlen nur noch mit Plastikgeld und Identitätsnachweis funktioniert - welche Folgen hätte das wohl für jeden von uns?

Ganz ehrlich: Ich habe Angst vor einer solchen Zukunft. Orwell läßt grüßen.

In diesem Sinne: #@?%X$!

© 2011 - Der Emil

2011-04-01

A - Sozial

Ist es nicht doch unheimlich, was man um sich herum beobachten kann? Diese Entsolidarisierung, das "Jeder ist sich selbst der Nächste", das Besitzansprücheerheben?!

«Zuerst ich, ihr Egoisten!»

Die Parteien behaupten alle, daß die jeweils anderen Parteien ja nur noch "gegen etwas" seien. Oder für das Schlechtere. Was sie selbst tun, ist dann immer "alternativlos". Dabei gibt es immer eine Wahl, wenn man sich nicht einem Diktat unterwirft - indem man sich nicht einem Diktat unterwirft.

Wir leben meiner Meinung nach schon lange wieder in einer Diktatur: Unter der Knute des Kapitals. Denn nur zu dessen Gunsten, zugunsten seines freien Tummelplatzes "Markt" wurde alles (fast alles) Soziale abgeschafft.

Beispiele? Für dieses Land hier?

  • Wie kommen die europaweit höchsten Arzneimittelpreise zustande?
     
  • Wieso sollen alle Privatkopien unrecht sein?
     
  • Weshalb werden normale Arbeitsplätze durch immer mehr billige Zeitarbeitskräfte besetzt?
     
  • Warum werden Brillen und Zahnersatz nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt?
     
  • Wieso bekommen ein paar Banken mal eben so mehr als 500 Mrd. Stütze, aber fü sieben Millionen Menschen sind 40 Mrd. zuviel?
     
  • Für den verdammten, ungewollten Euro sind mal eben so 22 Mrd. Rettungszahlungen drin (plus Milliarden an Garantien), für das Bildungspaket lächerliche 10 Euro pro Kind und Monat?
     
  • Für Bezieher von ALG-II (also für die, die den Unternehmen erst Dumpinglöhne möglich machen) werden keine Beiträger zur normalen Rentenversicherung bezahlt. Für diese Menschen gibt es also auch keine Rehabilitationsmaßnahmen mehr …
     
  • Mittlerweile sind: die Freizügigkeit des Aufenthaltes, die freie Berufswahl, die freie Arztwahl, das Recht auf Bildung und nun auch die Vertragsfreiheit – u.a. auch bei Mietverträgen – (alles im GG verankert) der EHB nicht mehr existent.
     
Und das ließe sich weiter fortsetzen.

Wo ist das das Soziale der sozialen Marktwirtschaft abgeblieben?

In diesem Sinne: Ich denk heut an Rio Reiser …

© 2011 - Der Emil

2011-03-23

Elephantasie (Nº 82 #oneaday)


 
Zwischen Bäcker- und Gemüsestand,
umgeben von menschlichen Massen,
erschien mir heute ein Elephant.
Ihr glaubt, ich hab' nicht alle Tassen
im Schrank, wär' nicht richtig im Kopf?

Doch diese Gelegenheit griff ich beim Schopf
und drängte mich näher ans Tier.
Und in seinem braungroßen Auge
sah ich, wie es suchte nach mir
und frug, ob als Freund ich wohl tauge.

Wie nebenbei griff mit dem Rüssel es sacht
nach Trauben und Äpfeln, die ihm jemand bot,
und die Geberin hat gar herzlich gelacht.
Und der Bäcker gab ein kleines Brot.
Dem Elephanten schien es zu schmecken.

Ich wollte das Tier nicht erschrecken,
doch zog's meine Hand wie magnetisch
auf die aschgraue Haut voller Falten,
als wär'n Elephanten mein Fetisch!
Ich hab' mich am Tier festgehalten.

Es waren nur ein paar Sekunden:
ich Mensch und ein Elephant.
Mir schienen es beinahe Stunden,
die ich mit dem Tier so dort stand.

Dann zog dieser Elephant weiter
und war schon bald nicht mehr zu seh'n.
Es blieben - nun ein wenig heiter
gestimmt - nur die Menschen dort steh'n.

So surreal schien das Erlebnis!
Ich wünschte mir laut loszuschrei'n!
Beim Denken kam dann das Ergebnis:
Das Tier mußte vom Zirkus sein …
 

03-Elephantasie-Der Emil by Der Emil

Gestern nachmittag stand ich gegen 15 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle auf dem Halleschen Marktplatz, als die 20jährige Elephantendame mit ihrem Pfleger Werbung für "ihren" Zirkus machte. und ich hatte ausnahmsweise KEINE Kamera dabei. Falls ich wirklich mal zu einen Poetry Slam geh', wird das mein erster Vortrag. Versprochen.
 
Und nun ist wordpress.com offline wegen eines DDOS …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für's Lesen.

In diesem Sinne: Achtet auf eure Elephanten ...

© 2011 - Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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2011-03-18

Gute Nacht

Zu tränen rührend

… ist auch ganz Anderes als das, was zur Zeit die Nachrichten bestimmen.

Habt ihr euch schonmal verabschiedet?

Weil ihr es wolltet? Obwohl es euch gutging? Da wo ihr wart oder mit dem, was ihr hattet? Richtig gutging?

Genau das hab ich schon desöfteren getan.

Und dafür gibt es ein Lied:

 
Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

Für den Tag, für die Nacht unter eurem Dach habt Dank!
Für den Platz an eurem Tisch, für jedes Glas, das ich trank
Für den Teller, den ihr mit zu den euren stellt
Als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

Habt Dank für die Zeit, die ich mit euch verplaudert hab'
Und für Eure Geduld, wenn's mehr als eine Meinung gab
Dafür, daß ihr nie fragt, wann ich komm' oder geh'
Für die stets offene Tür, in der ich jetzt steh'

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

Für die Freiheit, die als steter Gast bei euch wohnt
Habt Dank, daß ihr nie fragt, was es bringt, ob es lohnt
Vielleicht liegt es daran, daß man von draußen meint
Daß in euren Fenstern das Licht wärmer scheint

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n
 

In diesem Sinne: Sleep well.

© 2011 - Der Emil

2011-03-14

Darf ich das?

Freude ./. Grabstein?

Ich hatte das Ding gesehen und war von ihm begeistert. Weil es so ungewöhnlich, so besonders ist. Symbolträchtig nicht nur in seiner Funktion, sondern diesmal auch in seinem Aussehen - und zwar auf eine völlig andere Art und Weise, als die sonstigen Dinge hier Symbole sind.

Ein Grabdenkmal auf einem Urnengrab.

Es ist ist sich selbst verschlungen, erinnert aus bestimmtem Blickwinkel an ineinanderverschlungene Herzen; es zeigt Unendlichkeit und Endlichkeit zugleich. Es läßt den Blick durch sich hindurch zu auf die Umgebung. Selbst wenn der am Grab stehende Trauernde nur darauf blickt, sieht er das Leben hinter dem Grabmal. Ich sehe den ewigen Kreislauf, Anfang und Ende, das Abgeschlossene und das Offene.

Für mich symbolisiert diese Form auch das All-Eine, den Geist, den «Himmel», das danach Kommende …

Und ich dachte wirklich von 15 Uhr (um diese Uhrzeit hatte ich die ersten Aufnahmen davon gemacht) bis 22 Uhr darüber nach: Darf ich das? Kann ich ein Grabdenkmal, einen Grabstein einfach so als Gegenstand einer Kurzweil benutzen? Ist das pietätlos?

Ganz geheuer war mir nicht, als ich zur Tat schritt und das Bilderrätsel verfaßte und veröffentlichte (auch in diesem Blog war ein Hinweis zu finden). Aber ich faßte mir ein Herz und tat es einfach.

Für den Moment trennte ich Form und Funktion voneinander - und die Funktion verdrängte ich bis zum Schreiben der Auflösung. Und ich dachte wieder nach: Darf man das, darf ich das? Vor allem: weil ich Freude an den Kommentaren und Lösungsvorschlägen hatte?

Für mich habe ich jetzt beschlossen, daß ich es darf. Ich darf mich an Schönem erfreuen und diese Freude mitteilen - auch wenn es «nur» oder gerade wenn es die From eines Grabsteins ist, die mich beeindruckt, aber nicht bedrückt.

In diesem Sinne: Wer mag, darf mit mir schimpfen.

© 2011 - Der Emil